Doc K!

[Thema: Hodenkrebs / Switchboard 150, Februar 2002]

Wie macht sich Hodenkrebs bemerkbar?

Hodenkrebs betrifft insbesondere junge Männer. Besonders gefährdet sind Männer, die in der Kindheit einen sogenannten "Hodenhochstand" gehabt haben. Dies ist der Fall, wenn die Hoden nicht in den Hodensack hinunter gewandert sind; sie können dann im Leistenkanal geschädigt worden sein.
Leider wird Hodenkrebs zunächst oft gar nicht entdeckt! Erst im Spätstadium tritt eine deutlich spürbare Organveränderung auf und Schmerzen stellen sich ein. Es gibt allerdings eine ganz einfache Methode, Früherkennung zu betreiben: Durch regelmäßiges Abtasten lassen sich Veränderungen an den Hoden gut feststellen und falls Dir etwas auffällt, solltest Du unverzüglich ärztlichen Rat einholen. Nur so kann sichergestellt werden, ob es was Harmloses ist.
Wenn ein Krebs diagnostiziert ist, dann hilft nur die Entfernung des betroffenen Hodens (Orchiektomie) und falls Lymphknotenbefall besteht, müssen diese entfernt und eine Bestrahlung oder Chemotherapie vorgenommen werden.
Wichtiger Hinweis: Auch mit einem Hoden ist volle Zeugungsfähigkeit gegeben!

[Thema: Zeugungsunfähigkeit nach Hodenkrebs / Switchboard 158, Juni 2003]

Lieber Doc K!,
ich habe Hodenkrebs gehabt (rechts) mit retroperitonealer Lymphadenektomie (Anm. der Red.: Entfernung der Lympknoten im hinteren Bauchraum) rechtsseitig, ohne dass ein Lymphgewebebefall festgestellt worden wäre (aber Mischtumor, Seminom). Einen Samenerguß gibt es nun nicht mehr, was mich sehr stört, und eine sehr unschöne, wulstige Narbe. Bereits vor dem Krebs ist beim Geschlechtsverkehr die Vorhaut abgerissen – und dass gleich zweimal in größerem zeitlichen Abstand. Von dem Trauma habe ich auch heute noch etwas. Meine Partnerin hatte schließlich auch genug von diesen Sachen.
Leider beantworten mir die Urologen meine Fragen nicht oder nur unvollständig; z.B. kann ich nichts damit anfangen, wenn ich höre, dass man in den Hoden ja hineinstechen könne. So was macht mir Angst und ich frage dann gar nicht mehr weiter. Da ich Hypogonadismus habe (das erfuhr ich vor zwei Jahren im Alter von 48 – ein Zufall) ist der verbliebene Hoden sehr klein und wohl auch latent gefährdet. Ein Urologe wollte den Hoden gleich mit entfernen, dann könnte da ja kein Krebs mehr entstehen. M. E. ist Hypogonadismus in der Kindheit behandelbar. Darüber erzählt mir auch kein Urologe etwas. Die Allgemeinärzte untersuchen unterhalb der Gürtellinie bisher nicht.
Zu einem Urologen gehe ich nur im Notfall. Ich bin daher froh, dass ich auch bisher schon viele Informationen aus dem Internet oder per Telefon gewinnen konnte. Das ist auch deshalb sinnvoll, weil nach meiner Erfahrung die Urologen sich entweder nicht ausdrücken können, die Informationen nicht haben oder nicht wollen – was für mich alles auf das gleiche hinausläuft.

Hallo lieber P.!
Aus Deinen Formulierungen spricht eine Verbitterung, die ich im Zusammenhang mit Deiner Krebserkrankung nachvollziehen kann. Andererseits verstehe ich ehrlich gesagt nicht, wie ein so informationsbedürftiger Mann sich von Fachleuten abspeisen lassen konnte.
Du unterstellst, die Ärzte hätten Dir gar nicht helfen wollen bzw. sie hätten Dich nicht richtig untersucht. Bei der von Dir geschilderten Vorgeschichte und den Versäumnissen, u.a. durch Deine Eltern, aber auch durch Dich selbst, halte ich es nicht für richtig, die Fachleute alleine für die Versäumnisse verantwortlich zu machen. Da Du keine konkrete Frage stellst, versuche ich einige Deiner Äußerungen als Fragen aufzugreifen.
Hypogonadismus ist eine Folge von Hodenhochstand, d.h.: in der Kindheit müssen Deine Hoden durch das Feststecken im Leistenkanal (fehlende Abwanderung in den Hodensack) so geschädigt worden sein, dass sich in Folge die Krankheit (und möglicherweise auch der Krebs) entwickeln konnten. Wenn hier ärztlicherseits nicht darauf geachtet wurde, wäre das sicher fahrlässig. Es ist aber auch die Pflicht der Eltern, auf die gesunde Entwicklung ihres Kindes zu achten.
Scheinbar hast ja auch Du die "falsche Regel" eingehalten, über Dinge, die Dir Angst machten, bei Ärzten oder mit sonst jemand nicht zu sprechen. Weiterhin schreibst Du: "Bereits vor dem Krebs ist beim Geschlechtsverkehr die Vorhaut abgerissen und dass gleich zweimal in größerem zeitlichen Abstand. Von dem Trauma habe ich auch heute noch etwas. Meine Partnerin hatte schließlich auch genug von diesen Sachen". – Deine Ausführung nehme ich ernst, wenn ärztlicherseits nach dem ersten Einriß des Bändchens (wahrscheinlich nicht der Vorhaut!), eine korrekte Operation durchgeführt worden wäre, wäre die zweite Verletzung ziemlich sicher vermeidbar gewesen. Aber bedenke bitte, daß in erster Linie Du für Deine Gesundheit verantwortlich bist. Es ist auch bemerkenswert, daß Du erst mit 48 Jahren für Dich registrierst, daß mit der Größe Deiner Hoden etwas nicht stimmt. Hier wird nochmals deutlich, wie wichtig regelmässige Selbstkontrollen der Hoden sind. Die entsprechende Anleitung hatten Uli Schürfeld und ich beim Männertreffen in Kiel angeboten. Es muss also noch viel öfter angeboten werden.
Nun muss ich aber auch noch ein paar Worte zum zur Zeit vielgerühmten WWW sagen:
Viele Leute schreiben schnell mal was ins weltweite Netz und bei aller Notwendigkeit, seinem Ärger zum Beispiel mal Luft zu machen, bewirkt das am Ende doch nichts wesentliches. Gesünder bist Du durch Deine diesbezüglichen Kontakte ja sicher auch nicht geworden. Und im übrigen wird, gerade beim Austausch über Leidensgeschichten, das Netz oft mit unvollständigen, irreführenden Infos gespickt, die UserInnen zuhause sitzen dann letztendlich allein mit ihren Sorgen und Nöten rum.
Ich verstehe Deine Mail eher als Bestandsaufnahme und so betrüblich diese auch ausfällt, so solltest Du doch dringend den persönlichen, diagnostisch orientierten Kontakt zu Medizinleuten suchen. Vielleicht gibt es ja da, wo Du lebst, eine Männerberatungsstelle, die Dir einen guten Arzt empfehlen kann. Zur Qualität eines guten Doktors sollte ganz bestimmt auch das klärende Gespräch gehören – da hast Du ganz sicher ein Recht drauf, das Du aber auch nutzen mußt!
Ansonsten sind Deine Anmerkungen und Deine Geschichte leider ein sehr eindeutiger Beweis dafür, wie lang und ausdauernd Männer um die Auseinandersetzung mit ihrem Gesundheitszustand gebracht werden UND wie nachhaltig sie sich teils auch selber um eine wichtige Veränderung bringen. Falsche Operationen und womöglich eigenes Fehlverhalten tun ein übriges, so dass Mann am Ende in einer echten Sackgasse steckt.
Du hast mit Deiner Mail einen wichtigen Beitrag geleistet, das verbitterte, angstvolle Schweigen zu überwinden und insofern bist Du hoffentlich auch für andere Männer ein Vorbild – ich wünsche Dir zukünftig mehr Erfolg bei Deinen Bemühungen, medizinisch gut versorgt zu werden. Und ich möchte Dir Mut machen, diesen Weg zu gehen.